
Kurz gesagt: Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) ist von der FDA nicht zur Behandlung von Lungenkrebs zugelassen. Große Krebszentren sehen keine überzeugenden Belege dafür, dass sie Krebs heilt oder zur Standardtherapie gehört. Untersucht wird, ob sie Gewebeschäden nach einer Bestrahlung reparieren helfen kann – das ist jedoch etwas anderes als die Behandlung des Krebses selbst.
Schauen wir uns an, was bekannt ist, was noch erforscht wird und welche Risiken bestehen – besonders bei Lungenkrebs.
Was HBOT ist – und was nicht
Zuerst die Grundlagen: Bei der hyperbaren Sauerstofftherapie befinden Sie sich in einer Druckkammer und atmen hoch konzentrierten Sauerstoff ein, meist 100 % reinen Sauerstoff bei einem Druck vom 2,0- bis 2,5-Fachen des normalen Atmosphärendrucks. Die FDA ließ das Verfahren in den 1980er-Jahren für bestimmte Erkrankungen zu: Dekompressionskrankheit, Kohlenmonoxidvergiftung, schwere nicht heilende Wunden, bestimmte Knocheninfektionen und strahlenbedingte Gewebeschäden.
Hier ist die Antwort, nach der viele suchen: Die FDA hat HBOT nie zur Behandlung von Lungenkrebs selbst zugelassen. Sie bekämpft den Tumor nicht und ist auch nicht als Verstärkung von Chemo- oder Strahlentherapie belegt. Medicare übernimmt sie nicht als Krebsbehandlung. City of Hope, eines der größten Krebszentren der USA, sagt klar: HBOT tötet Krebszellen nicht von selbst und ist keine nachgewiesene Krebsheilung. [1]
Die FDA geht noch weiter: Sie veröffentlicht eine Liste von Anwendungen, für die HBOT NICHT zugelassen ist, obwohl sie dafür immer wieder beworben wird. Dazu zählen Krebs, Lyme-Borreliose, Autismus und Alzheimer. Gerade bei diesen Erkrankungen werden Betroffene häufig mit überzogenen Heilsversprechen angesprochen. [3]
Die entscheidende Frage: Kann es meinen Krebs verschlimmern?
Diese Frage raubt vielen den Schlaf. Sauerstoff unterstützt Zellen, auch Krebszellen. Könnte Sauerstoff unter hohem Druck einen Tumor nähren?
Die ehrliche Antwort: wahrscheinlich nicht, aber es ist kompliziert.
Die Undersea and Hyperbaric Medical Society (UHMS) sichtete die verfügbare Evidenz und kam zu dem Schluss, dass HBOT das Krebswachstum offenbar nicht beschleunigt. Eine kleine Studie aus dem Jahr 2025 mit 45 Krebspatienten fand keinen Zusammenhang zwischen der Zahl der HBOT-Sitzungen und Tod oder Metastasen. [7] [17]
Doch „scheint es nicht schlimmer zu machen“ bedeutet nicht „macht es besser“. Ebenso wenig heißt es, dass HBOT bei Ihrer Krebsart, Ihrem Stadium und Ihrem konkreten Behandlungsplan sicher ist.

was ist Wofür wird HBOT bei Krebspatienten tatsächlich eingesetzt?
Hier gibt es einen medizinisch anerkannten Einsatzbereich.
Nach einer Bestrahlung bei Lungenkrebs – ob am Tumor selbst, an der Brustwand oder an der Speiseröhre – können Monate oder sogar Jahre später Gewebeschäden auftreten, zum Beispiel:
- Absterbendes Weichgewebe unter der Haut
- Knochenschäden (Osteoradionekrose)
- Nicht heilende Wunden
- Operationswunden, die nach einer Rekonstruktion wieder aufbrechen
Für solche strahlenbedingten Schäden – nicht für den Krebs selbst – gibt es gute Belege für HBOT. Medicare übernimmt unter bestimmten Voraussetzungen die Behandlung von Osteoradionekrose und Weichteil-Radionekrose. Auch die Mayo Clinic setzt HBOT genau hierfür ein. [4] [10]
Wichtig: Das ist etwas anderes als die Behandlung einer Pneumonitis (strahlenbedingten Lungenentzündung), von Atemnot, Husten oder Flüssigkeitsansammlungen. Dafür sind andere Maßnahmen nötig, etwa Steroide, Drainage oder Medikamente. HBOT behebt diese Probleme nicht. [12]
Was die Forschung tatsächlich zeigt – und was nicht
Einige Studien untersuchen HBOT in Labormodellen für Lungenkrebs. Forschende behandelten Mäuse mit Transplantaten menschlicher Lungentumoren täglich 90 Minuten lang bei 2,5 ATA und beobachteten im Labor ein geringeres Tumorwachstum. Eine weitere Studie untersuchte mögliche Auswirkungen auf den Stoffwechsel von Krebszellen. [14] [15]
In diesem Stadium sagen Forschende: „Interessant, das sollten wir weiter untersuchen.“ Nicht: „Das funktioniert beim Menschen.“
Warum? Eine Maus ist kein Mensch. Der untersuchte Tumor ist nicht Ihr Tumor. Druck und Dauer im Labor entsprechen nicht Ihrem Behandlungsplan. Vor allem aber gilt: Wenn ein Laborversuch verlangsamtes Tumorwachstum zeigt, ist das noch lange kein Wirksamkeitsnachweis bei Patienten.
Das National Cancer Institute führt HBOT in seinen Standard-Behandlungsleitlinien weder für nichtkleinzelligen noch für kleinzelligen Lungenkrebs auf. [18] [19]
Diese Sicherheitsrisiken sollten Sie kennen
HBOT kann echte Nebenwirkungen haben. Die Mayo Clinic nennt:
- Ohr- und Nebenhöhlenschmerzen oder einen Trommelfellriss
- Vorübergehende Sehstörungen
- Flüssigkeit in der Lunge oder kurzfristige Atemprobleme
- Selten einen Lungenkollaps
- Sauerstoffbedingte Krampfanfälle (sehr selten)
- Brandgefahr in sauerstoffreicher Umgebung
- Platzangst
[21]
Bei Lungenkrebs kommen weitere Aspekte hinzu:
Ein Pneumothorax (Lungenkollaps) ist eine absolute Gegenanzeige. Das heißt: Wenn sich unbehandelte Luft im Brustraum befindet, dürfen Sie keine HBOT erhalten. Bei Lungenkrebs kann dieses Risiko durch die Erkrankung selbst oder durch Operationen erhöht sein. Bei bullöser Lungenerkrankung, Emphysem oder COPD müssen Ihre Ärzte besonders sorgfältig untersuchen. [22]
Das Thema Bleomycin: Bei bestimmten Chemotherapeutika, insbesondere Bleomycin, muss HBOT besonders abgestimmt werden. Bleomycin kann die Lunge schädigen; die Kombination mit Sauerstoff unter Druck erfordert die fachliche Überwachung durch Ihren Onkologen und einen Überdruckmediziner. Das heißt nicht zwangsläufig „auf keinen Fall“, sondern „erst beide Ärzte einbeziehen“.
Wenn Sie Diabetes haben und Insulin spritzen, kann HBOT Ihren Blutzucker senken.
Medizinische HBOT und „milde“ oder Heimkammern sind nicht dasselbe
Vielleicht haben Sie Werbung für „milde Überdruckkammern“ gesehen, die man kaufen oder in einem Wellnesszentrum nutzen kann: 1,3 ATA, normale Luft, zu Hause.
Wichtig ist: Das sind keine von der FDA zugelassenen Medizinprodukte, sondern Wellnessprodukte. Der Druck ist viel niedriger, etwa halb so hoch wie bei medizinischer HBOT. Man atmet Umgebungsluft, nicht zugeführten reinen Sauerstoff. Es gibt keinerlei Belege für eine Wirkung gegen Krebs.
Wenn Ihnen jemand eine Heimkammer oder Wellness-Sitzungen als Behandlung von Lungenkrebs verkauft, widerspricht das der Einschätzung der FDA und seriöser Krebszentren. [2] [20]

Was das für Sie bedeutet: die richtigen Fragen
Wenn Sie HBOT erwägen, fragen Sie:
1. Gibt es eine konkrete, dokumentierte Erkrankung, bei der HBOT helfen soll?
Nicht einfach „Ich habe Lungenkrebs“, sondern: „Ich habe strahlenbedingte Gewebeschäden, bei denen mein Onkologe und ein Überdruckmediziner HBOT für sinnvoll halten.“ Nur so ergibt die Frage medizinisch Sinn.
2. Findet die Behandlung in einer echten medizinischen Einrichtung statt?
In einem Krankenhaus oder einem von der UHMS akkreditierten Zentrum, mit Ärzten statt ausschließlich Wellnesspersonal. [2]
3. Haben Sie SOWOHL mit Ihrem Onkologen ALS AUCH mit einem Überdruckmediziner gesprochen?
Beide müssen sich abstimmen, besonders während einer Chemotherapie. Das ist unverzichtbar.
4. Wurden Ihre Lungen gezielt untersucht?
Pneumothorax, Lungenblasen und Lungenfunktion müssen vorher geprüft werden.
5. Übernimmt Ihre Versicherung die Kosten tatsächlich?
Medicare zahlt bei bestimmten Strahlenschäden, nicht für HBOT als eigenständige Krebsbehandlung. Prüfen Sie Ihren Tarif.
Das Wichtigste
HBOT bekämpft Lungenkrebs nicht. Die Wissenschaft stützt diese Anwendung nicht, die FDA hat sie dafür nicht zugelassen, und große Krebszentren empfehlen sie nicht.
Medizinisch belegt ist ihr Einsatz bei bestimmten strahlenbedingten Gewebeschäden – das ist jedoch keine Krebsbehandlung.
Wenn Ihnen gesagt wird, HBOT könne bei Ihrem Lungenkrebs helfen, fragen Sie: Wie genau? Bitten Sie um begutachtete Studien mit echten Lungenkrebspatienten, nicht nur mit Mausmodellen. Vage Antworten oder reine Laborstudien sind ein Warnzeichen für Werbung statt Medizin.
Wenn Ihr Onkologie-Team HBOT wegen einer bestimmten Strahlenkomplikation anspricht, ist das ein anderes Thema. Besprechen Sie es mit einem qualifizierten Überdruckmediziner in einer akkreditierten Einrichtung.
Bevor Sie Zeit und Geld investieren, sprechen Sie mit Ihrem Onkologie-Team. Es kennt Ihren Fall und Ihre Lunge und kann beurteilen, was wirklich helfen könnte und was Sie nur von sinnvoller Behandlung ablenkt.
Quellen
- City of Hope. “Hyperbaric Oxygen Therapy for Cancer: What Science Says” – Großes US-Krebszentrum zu Lücken in der Evidenz.
- Undersea and Hyperbaric Medical Society (UHMS). “FDA recommends UHMS-accredited hyperbaric facilities for treatment of specific illnesses” – Hinweise der FDA zu akkreditierten Einrichtungen.
- FDA (via Drugs.com). “Hyperbaric Oxygen Therapy: Don’t Be Misled” – Verbraucherwarnung der FDA vor falschen Versprechen.
- U.S. Medicare. “Hyperbaric Oxygen Therapy Coverage” – Abgedeckte Indikationen und Voraussetzungen.
- Biology. “Hyperbaric Oxygen Therapy in Cancer: Friend, Foe, or Context-Dependent Modulator?” – Begutachtete Übersichtsarbeit zu Evidenz und Forschungslücken.
- Feldmeier, J. (UHMS). “Hyperbaric Oxygen and Malignancy” – Sicherheitsbewertung einer überdruckmedizinischen Fachgesellschaft.
- Mayo Clinic. “Hyperbaric Oxygen Therapy” – Überblick einer medizinischen Einrichtung.
- National Cancer Institute. “Cardiopulmonary Syndromes” – Hinweise des NCI zum Umgang mit Strahlenschäden.
- Chen et al. “Hyperbaric oxygen suppressed tumor progression through the HIF-1α/PFKP signaling pathway in non-small cell lung cancer” – Laborstudie mit transplantierten Lungentumoren.
- Nature. “Hyperbaric oxygen suppressed tumor progression…” – Begutachtete präklinische Ergebnisse.
- Demir et al. “Hyperbaric Oxygen Therapy for Managing Cancer Treatment Complications: A Safety Evaluation” – Kleine klinische Sicherheitsstudie.
- National Cancer Institute. “Non-Small Cell Lung Cancer Treatment (PDQ®)” – Standardleitlinien für nichtkleinzelligen Lungenkrebs.
- National Cancer Institute. “Small Cell Lung Cancer Treatment (PDQ®)” – Standardleitlinien für kleinzelligen Lungenkrebs.
- Harvard Health. “Hyperbaric Oxygen Therapy: Evidence-Based Uses and Unproven Claims” – Einschätzung einer akademischen medizinischen Einrichtung.
- Mayo Clinic. “Hyperbaric Oxygen Therapy—Risks” – Dokumentierte Nebenwirkungen und Komplikationen.
- UHMS. “MEDFAQs—Frequently Asked Questions” – Fachliche Hinweise zu Gegenanzeigen und Arzneimittelwechselwirkungen.
Hinweis
Diese Inhalte dienen nur der Information und sind keine medizinische Beratung. Sie ersetzen kein Gespräch mit Ihrem Onkologen, Lungenfacharzt oder Überdruckmediziner. Prüfen Sie aktuelle klinische Leitlinien und Ihren Versicherungsschutz bei Ihrem Behandlungsteam und direkt bei Medicare oder Ihrer Versicherung. Die Quellen entsprechen dem Informationsstand vom September 2026.